|
Hans Schmid/Winfried Verburg (Hrsg.) „Gastfreundschaft – ein Modell für den konfessionellen Religionsunterricht der Zukunft“ - Deutscher Katechetenverein e.V., München 2010
1. Das Problem wird immer drängender: Wie kann der konfessionelle RU aufrechterhalten werden, wenn ihm die Schüler ausgehen ? Dass keine Religionsgruppen mehr zustande kommen, ist zunehmend an vielen Orten und vor allem in einzelnen Schularten der Fall. Aufbauend auf 10 Thesen Hans Schmids in den Katechetischen Blättern 135/2010 haben die beiden Herausgeber vorwiegend katholische Autoren eingeladen, die Möglichkeiten ihres Vorschlages zu erkunden. Aber auch die Ev. Theologie (Prof. Ritter), jüdische Religionslehre und Islamwissenschaft sind vertreten.
2. Das Buch wirbt dafür, die für den katholischen RU grundlegende konfessionelle Trias von Lehrer, Schüler und Stoff zu erweitern durch das Prinzip der Gastfreundschaft für andere und bei anderen Konfessionen, wenn eine Religionsgruppe in der eigenen Konfession nicht zustande kommt.
a) Die Metapher „Gastfreundschaft“ wird zunächst grundsätzlich und biblisch-theologisch angegangen. Der Gast bleibt nicht für immer, er ist auch nicht Herr des Hauses, aber er kann zur Gabe werden, so wie Christus in der Emmausgeschichte beim Brotbrechen selber zur eigentlichen Gabe wird.
b) Es folgen praktisch-religionspädagogische Erwägungen im Blick auf verschiedene Schüler-Kombinationen unter Einbeziehung auch muslimischer Kinder. Dabei spielt aus katholischer Sicht das Ziel der Beheimatung in der (röm.-kath.) Kirche eine kritische Rolle: Überfordert man damit den RU nicht ? Näher liegt daher der Rückgriff auf den Sprachgebrauch der ev. Denkschrift „Identität und Verständigung“(1994): Es kommt in jedem Fall darauf an, im Umgang mit den Gästen oder als Gast in einem anderen Haus die eigene religiöse Identität überhaupt erst auszubilden. Nicht nur im Befragen und Beantworten werden Kenntnisse über die eigene Zugehörigkeit erworben, das „Dabeisein“ ermöglicht es auch, die Erfahrung eines (mindestens durch die Lehrperson) authentisch vertretenen Glaubens mit dem didaktisch geforderten Perspektivwechsel zu verbinden: performative und reflexive Vollzüge im RU reichen sich gewissermaßen die Hand.
c) Es ist klar, dass Religionslehrer entsprechende Kompetenzen für den Umgang mit dieser Situation und im Blick auf die andere/n Konfession/en erwerben müssen. Obwohl in den meisten Beiträgen von dem Verhältnis „ev.-kath.“ ausgegangen wird, bezieht das Buch insgesamt die Perspektive auf den Islam mit ein.
d) Dies alles wirft freilich auch die Frage nach dem möglichen Missbrauch durch geplagte Schulorganisatoren auf. Vielleicht lässt sich ja mit dem Gästestatus die eine oder andere Religionsgruppe vermeiden ? Damit wären auch Lehrer gespart ! Das kann natürlich nicht der Sinn der Sache sein.
Noch viel weniger darf eintreten, was die Schwäche bei dem Modell des LER ausmacht: dass die Beziehung zum gelebten, authentisch vertretenen Glauben in eine Art neutraler Religionskunde verflacht.
3. Wie nimmt sich dieser Vorschlag in der Praxis des Unterrichts aus ? Dazu werden u.a. praktische Unterrichtsmodelle für vier verschiedene Schularten skizziert, die zur Erprobung (gerade im Gymnasium) reizen.
4. a) Die Stärke des Vorschlags von Hans Schmid liegt darin, dass er die konfessionellen Unterschiede nicht auflöst, sondern produktiv einsetzt.
b) Entscheidend für das Gelingen eines Unterrichts mit (nicht nur zufälligen) Gästen bleibt aber die Frage nach der theologischen und pädagogischen Kompetenz der Unterrichtenden: Haben sie selbst wahrgenommen, dass evangelische und katholische Theologie im Ansatz von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen – nämlich im einen Fall von dem sich ereignenden Wort Gottes ubi et quando visum est Deo und im anderen Fall von der sakramentalen Heilsmächtigkeit der Kirche ? Können sie die Wirkmächtigkeit ihrer eigenen Herkunft soweit in ihrer Unterrichtsgestaltung verfolgen, dass sie dies auch in dem anderen Weg der Erschließung des Evangeliums für unsere Weltdeutung aufspüren können ?
c) Gibt dieses Modell Vorwände, um die Stellung des konfessionellen RU im Gegenüber der Kirchen zu den staatlichen und kommunalen Institutionen zu schwächen und damit gerade den Gewinn aus seiner Vielgestaltigkeit zu verspielen ? Warum, so werden viele Eltern und Schulorganisatoren fragen, überhaupt noch getrennter RU ?
d) Nicht zu Ende gedacht erscheint mir die Einbeziehung des Islam. Welche institutionellen Folgen hat das ? Kann man ein ev.-kath. Gastverhältnis mit der Gastfreundschaft gegenüber dem Islam und dem gastweisen Besuch des Islamunterrichts vergleichen ?
Insgesamt macht dieses vielseitig anregende Buch Lust darauf, „Gastfreundschaft“ im RU bewusst zu intensivieren und auszuprobieren. Was sich dadurch entwickelt und verändert, wären dann Erfahrungen, die nicht nur aus der Not geboren sind. (Harald Klemm 15.12.2010)
Gert Buschmann, Manfred L. Pirner
Werbung, Religion, Bildung Kulturhermeneutische, theologische, medienpädagogische und religionspädagogische Perspektiven.
GEP, Frankfurt a. M. 2003 ISBN 3-932194-66-7 280 Seiten, 21,80 Euro
Uwe Böhm und Gerd Buschmann, evangelische Religionspädagogen an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, sind auf das Phänomen religiöser Werbeelemente bei ihren Arbeiten über Religion in der Popkultur gestoßen. Ihre Lehramtsstudierenden und Referendare sollen sich selbstverständlich mit den popkulturellen Phänomenen auseinander setzen. "Werbung prägt unsere Gesellschaft grundlegend", erläutert Buschmann. "Mittlerweile nehmen vielleicht Jugendliche und junge Erwachsene Religion mehr über die Popkultur wahr als über die traditionellen christlichen Angebote." Im Religionsunterricht könnten die Schüler Werbeplakate zunächst betrachten, ergänzt Böhm, um dann von den Bildelementen ausgehend die Textelemente zu erschließen. "Ich bin oft überrascht, dass die Schüler zwar alle Bild , aber nicht alle Textelemente entdecken", sagt Böhm. Doch erst durch die Zusammenschau von Bild und Text entstehe die Botschaft, bei der im Religionsunterricht zu fragen sei, inwieweit sie eine religiöse Dimension enthalte.
|